Das Bodhisattva Gelübde – Über das Verbunden-Sein mit allen Dingen

Das Bodhisattva Gelübde

Das Bodhisattva Gelübde rezitieren wir regelmäßig. Dabei kommt es zunächst nicht auf den Sinn des Textes an. Es geht um Meditation mit der Stimme. Natürlich machen wir uns irgendwann mit der Übersetzung vertraut. Und obwohl wir das japanische Original rezitieren, führt diese Übung dazu, dass wir dem Sinn nach und nach näher kommen.

Permanent passieren auf der Welt schreckliche Dinge, die Tod und Leiden verursachen. Man möchte seine Augen und Ohren verschließen und in der Hoffnung verharren, dass es dort, wo man selbst ist, sicher bleibt. Es scheint keinen Weg zu geben, der dazu führt, dass irgendwann alle Menschen, alle Wesen in Sicherheit sein werden. Wir können das nicht erreichen.

Und doch fordert uns das Bodhisattva Gelübde auf, zugewandt zu sein, das unzulängliche Leben zu akzeptieren und mit Freude wertzuschätzen. Darum soll es im Folgenden gehen.

SHU JO MUHEN SEIGAN DO
BONNO MUJIN SEIGAN DAN
HOMON MURYO SEIGAN GAKU
BUTSU DO MUJO SEIGAN JO

Der Wesen sind unendlich viele

Wir geloben, sie alle zu retten

Geistige Blindheit ist unerschöpflich

Wir geloben, sie zu überwinden

Die Lehren der Wahrheit sind unermesslich

Wir geloben sie alle zu meistern

Der Buddha Weg ist ohne Ende

Wir geloben, ihn zu vollenden

Das Bodhisattva-Ideal, das in diesem Gelübde zum Ausdruck kommt, gehört zum Mahayana Buddhismus. Es spielt in der Tradition des Zen und des tibetischen Buddhismus eine wichtige Rolle. Es besteht in dem Versprechen, so lange wiedergeboren zu werden, bis alle Wesen gerettet sind. Um Erleuchtung erlangen zu können, ist die Voraussetzung also, dass alle Wesen erleuchtet sind. Das klingt unmöglich und auf den ersten Blick paradox. Es scheint so, als ob wir als kleine Menschen im Angesicht des Unendlichen mit dem Unerreichbaren konfrontiert werden.

Nun muss man wissen, dass jeder Text, jede Übung, jedes Ritual im Buddhismus von ihrer Wirkung her zu verstehen sind. Sie sollen uns helfen, die Begrenzungen unserer Wahrnehmung und unseres Denkens zu erkennen, zu vermindern und letztlich zu überwinden. Diese Praxis muss immer unseren eigenen Möglichkeiten gerecht werden.

So ist angesichts des Bodhisattva Gelübdes die Sensibilisierung unserer Wahrnehmungsfähigkeit und die Stärkung unserer Motivation wichtiger, als in jedem Augenblick ein perfekter Mensch sein zu wollen.

Das erste Gelöbnis lautet:

„Der Wesen sind unendlich viele

Wir geloben, sie alle zu retten“

Alle Wesen retten zu sollen ist schon eine ziemliche Zumutung. Unendlich ist ein Wort, das sofort dazu führt, dass wir uns klein fühlen. Wer bin ich denn schon, gemessen am unendlichen Universum. Die Erde ist angesichts dieser unfassbaren Dimension nur ein kurzes Flackern am Rande des Nichts. Das Gefühl der Kleinheit kann paralysierend wirken und die Kraft unseres positiven Handelns zu Staub zermahlen.

Wenn wir geloben, all die unendlich vielen Wesen zu retten, beginnen wir den Schmerz anzunehmen, der uns begegnet. Die Selbstwahrnehmung und die Achtsamkeit anderen gegenüber sollen gestärkt werden. Wenn wir in unserem persönlichen Umfeld oder in den Nachrichten aus aller Welt mit kleinen und großen Katastrophen konfrontiert sind, bleiben wir offen. Wir wenden uns nicht ab, weil wir uns machtlos fühlen. Es macht keinen Sinn die Augen zu verschließen.

Das begründet keinen moralischen Anspruch, an dem wir sicher scheitern würden. Es ist eine Praxis, in der wir lernen, uns mit allen Dingen verbunden zu fühlen. Das Versprechen, alle Wesen zu retten, basiert im Zen auf dem Gedanken, dass alles miteinander verbunden ist. Nichts ist ohne Bedeutung.

Als ich im Zenkloster in Japan war, fiel mir beim Essen ein Reiskorn auf den Tisch. Der leitende Mönch deutete mit großem Ernst auf das Reiskorn und sage: essen. Mir hat das unmittelbar eingeleuchtet. Bedeutung ist nicht abhängig von der Dimension: nimm dich selbst als wichtig wahr, jede deiner Handlungen ist wirksam – sei sie noch so klein. Achtsamkeit in kleinen Dingen zu üben, verändert unsere Wahrnehmung, auch wenn es um die großen Dinge geht.

Das zweite Gelöbnis lautet:

„Geistige Blindheit ist unerschöpflich

Wir geloben, sie zu überwinden“

Aus der Sicht des Buddha entstehen negative Verhaltensweisen, die Schaden anrichten, nicht aus moralischer Schlechtigkeit oder Bösartigkeit – sondern aus Unwissenheit.

Daher ist dieses zweite Gelöbnis so wichtig. Es ist ein Hinweis darauf, dass wir beginnen müssen, unsere geistige Blindheit zu erkennen und an ihr zu arbeiten.

Eine Methode zur Überwindung der geistigen Blindheit ist Meditation. Meditation heißt die Gedanken zu beruhigen und still zu werden. Wenn die Stille stabil geworden ist, dann beginnt der Geist sich selbst zu erforschen. Dabei lernen wir nicht nur etwas über uns selbst, sondern vielmehr auch darüber, wie das Zusammenspiel von Körper, Außenwelt und Geist funktionieren.

Versuche einmal ganz still zu werden. Kein Gedanke. Nur achtsame und konzentrierte Stille. Diese Stille ist der Kern des Zen. Es ist kein Rückzug in esoterisches Wohlbefinden. Wenn wir still sind, dann sind wir ohne Ablehnung, ohne Geringschätzung und ohne Hass. Die Intuition wird stärker, da wir weniger durch Vorbehalte, Ängste und Wünsche manipuliert sind. Wenn wir nach und nach immer freundlicher und weiser werden, dann setzen wir immer weniger negative, destruktive Ursachen, und wir beginnen heilsam, positiv zu wirken.

Die Überwindung der unerschöpflichen geistigen Blindheit beginnt also damit, unseren Geist zu beruhigen.

Es ist wichtig, bei sich selbst zu beginnen. Wenn wir unruhig bleiben und keinen Frieden finden, bleibt dieser Teil des Unfriedens und der Unruhe in der Welt erhalten und setzt sich fort. Wie viele unnütze Gedanken haben wir in unserem Leben schon gedacht. Es mögen nicht unendlich viele sein, aber doch unzählbare. In jeder Sekunde ist unser Denken damit beschäftigt, uns in die Welt hinein zu sortieren. Oder besser: uns von ihr abzugrenzen. Kontinuierlich läuft ein „mag ich“-„mag ich nicht“- „egal“-Programm, das wir in Gedanken kleiden. Wenn ihr beginnt, diesen unentwegten Kreisel des Denkens zu beruhigen … dann wird sich eure Sichtweise verändern. Der Blick wird freier.

Ziel des Zen ist, Weisheit zu entwickeln. Diese Weisheit ist kein apriorisches Wissen, sondern Angemessenheit, die dann entsteht, wenn unsere Denkstrukturen und Konzepte durchlässig werden.

Das dritte Gelöbnis lautet:

„Die Lehren der Wahrheit sind unermesslich

Wir geloben sie alle zu meistern“

Die Überlieferung des Zen erfolgt außerhalb der Worte und außerhalb der Schriften. Zen entstand im China des 5. Jahrhunderts als eine Tradition, die die Meditation und die das alltägliche Leben in den Mittelpunkt stellte. Es ist nicht falsch, sich mit den buddhistische Schriften zu befassen, auch wenn manche Geschichten über alte Zen-Meister, die ihre Sutren verbrannten, das nahelegen mögen. Der Gedanke besteht darin, dass wir aus den philosophischen Schriften keine Erleuchtung erlangen können. Es ist wie das Rezept lesen, aber die Medizin nicht nehmen. Nur authentische, eigene Erfahrung kann zum Ziel führen kann.

Die Lehren des Buddha werden überflüssig, wenn du sie verwirklicht hast. Es ist keine moralische Lehre, sondern eine, die zu Entwicklung und Wachstum auffordert und die Methoden dafür bereithält.

Lesen, lernen und Diskussionen stabilisieren den Geist. Doch die Lehren der Wahrheit verbriefen keinen letztgültigen allumfassenden Standpunkt, in dem es keinen Irrtum mehr gibt. Diese unermesslichen Lehren fließen und müssen sich immer wieder am Ergebnis messen lassen. Selbst die moderne Wissenschaft erkennt in manchen Bereichen, dass es kein endliches Wissen gibt.

Der Buddhismus fordert uns auf, immer wieder genau zu prüfen, ob eine Lehre, mit der wir uns auseinandersetzen oder der wir folgen, heilsam ist. Heilsam ist sie, wenn eine Praxis unterstützt wird, durch die wir wacher, friedlicher und aktiver werden.

Wir sollten dabei nicht abgewandt und einseitig werden, sondern mit unsern Interessen offen und neugierig im Leben stehen.

Das vierte Gelöbnis lautet:

„Der Buddha Weg ist ohne Ende

Wir geloben, ihn zu vollenden“

Ein Zen-Spruch lautet: 15 Jahre bis zur Erleuchtung, 35 Jahre Vertiefung der heiligen Buddhaschaft. Wie reagiert jemand, der sich das erste Mal für Meditation interessiert und bereits … sagen wir … 70 Jahre alt ist. Er müsste also 120 Jahre alt werden, um den Weg vollenden zu können. Doch das ist nicht der Punkt. Selbst wenn mich jemand an seinem letzten Tag fragen würde, ob er anfangen solle zu meditieren, würde ich natürlich mit Ja antworten.

„Der Weg ist ohne Ende“ meint, du gehst den Weg jetzt. Immer wieder jetzt. Das Jetzt, das ich meine, kennt im Grunde keine Zukunft und keine Vergangenheit, denn wenn ich versuche, meine Handlungen in ihren Auswirkungen zu kalkulieren und mich dann danach zu verhalten, werden meine Prägungen, Ängste und Wünsche mich leiten. Ich werde wieder den kreisenden Gedanken verhaftet sein.

Natürlich ist Nachdenken und Wissen sinnvoll. Doch wir können uns in ihnen nicht einrichten. Wenn wir eine feste Vorstellung davon haben, wie wir sind, wie unser Leben ist, wie die Welt ist, dann sollten wir uns darin üben, loszulassen und immer wieder von vorne zu beginnen. Selbst Erleuchtung muss aufgegeben werden, sonst ist sie wertlos.     

„Wir geloben den endlosen Buddha-Weg zu vollenden“ heißt, wir können uns unser ganzes Leben lang immer weiterentwickeln.

1 Kommentar

  1. jayD. sagt:

    sehr einleuchtend erklärt. gassho!

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