Das Lächeln Gottes
26. Februar 2021

Der alltägliche Geist ist der Weg

 

Wenn ich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben sollte, würde ich wohl einfach diesen Satz zitieren: „Der alltägliche Geist ist der Weg“. Deshalb habe ich ihn zum Motto meiner Zen-Aktivitäten gemacht: „Alltagsgeist Zen“.
Das Leben wird immer unvollkommen bleiben. Wenn ich versuche, mit irgendeiner Methode Vollkommenheit zu erreichen, dann wende ich mich vom Leben ab. Die Vollkommenheit des Buddha-Geistes schließt alles ein, was existiert. Es umfasst das Heilige und das Profane, den Gewinn und den Verlust, die Kraft und die Schwäche, das Hässliche und das Schöne.
Den alltäglichen Geist zu realisieren, erfordert einen beweglichen Geist, ein offenes Herz und eine gewisse Entschlossenheit.

Die Übung dazu ist für mich die Meditation.

Die positiven Wirkungen der Meditation werden schnell spürbar. Gleichzeitig kann man sie ein ganzes Leben zu seiner eigenen Entwicklung nutzen.
Ehrlich gesagt, wären mir ohne den Weg des Zen viele Dinge verborgen geblieben und sinnlos vorgekommen. Es gibt keine letzte Welterklärung. Es ist einfach alltäglicher Geist. Darin kann man seinen Frieden finden und ein engagiertes Leben führen.
Das obige Zitat stammt aus dem Koan, das ihr am Ende des Beitrags findet. Koan sind kurze Geschichten, die in der Zen-Schulung angewendet werden. Dieses stammt aus der Sammlung Mumonkan. Zu jedem Koan findet sich in dieser Sammlung ein Gedicht von Mummon.

Zu diesem Koan lautet Mumons Gedicht:

Frühlingsblumen, Sommerbrise,
Herbstmond, Winterschnee.
Wenn keine unnützen Dinge deinen Geist verwirren,
hast du die schönsten Tage deines Lebens.

Die Gedanken beruhigen

Meditation beginnt damit, dass wir unsere Gedanken beruhigen, was aufrichtige Konzentration erfordert. Im Zen wird man immer wieder aufgefordert, in der Meditation konzentriert, ohne jeden Gedanken zu sein. Ziel ist, dass keine unnützen Dinge den Geist verwirren, wie es in Mumons Gedicht heißt.

Kann man nicht denken?

Unsere Gedanken begleiten unseren Alltag mehr oder weniger ununterbrochen.  Viele Menschen scheinen zu glauben, dass das unmöglich ist, nicht zu denken. Unser Denken ist ja schließlich der Kern unseres Wesens. Bewusstsein und Gedanken sind sehr miteinander verbunden. Wir haben das Gefühl, dass unsere Gedanken aktiv durch uns erzeugt werden, also Ausdruck unseres Willens sind. Wenn wir dann versuchen, nicht zu denken, ist das erst mal schwierig. Wenn man dann noch lange stillsitzen soll, ohne zu denken, dann wir es zu einer echten Zumutung.
Versuche einmal, nicht zu denken. Das ist der Beginn der Meditation. Ich werde versuchen zu erklären, warum diese Übung sinnvoll und heilsam ist und einen ersten Hinweis zu geben, warum Meditation uns gut tut.
Woher kommen unsere Gedanken, was ist ihre Natur?
Wenn wir uns genau beobachten, dann ist ein Großteil des Denkens damit beschäftigt, unsere Sinneseidrücke zu bewerten. Im Grunde läuft ein permanentes „mag ich“, „mag ich nicht“. Wir wissen in einer zehntel Sekunde, ob wir jemanden mögen oder nicht. Und unser Denken findet dann die Gründe dafür. Bei allem, was wir sehen – wenn es nur die geringste Bedeutung für uns hat, findet diese Einordnung ebenfalls sofort statt.
Es ist immer eine Ebene des Interpretierens und Bewertens zwischen uns und dem, was wir wahrnehmen.  In der Bewertung der Dinge, die uns begegnen liegt eine wesentliche Energie unseres Denkens. Wenn wir in schwierigen Lebenssituationen sind, kann diese Energie belastend werden. Die Gedanken kreisen immer mehr, wir sind nervös, können nicht schlafen und reagieren in kritischen Situationen möglicherweise über. Wir wollen eine Lösung und drehen uns doch nur im Kreis. Dann spüren wir, dass wir unserem Denken sozusagen ausgeliefert sind. Und tatsächlich ist es im Grunde ist es immer so. Unser Denken unterliegt einem gewissen Automatismus. Jeder Gedanke hat seine Ursache in einer Wahrnehmung oder wird durch einen anderen Gedanken verursacht. Kein Gedanke entsteht aus unserem Bewusstsein ohne dass er eine Ursache hätte.

Warum ist es schwierig, den Geist zu beruhigen?

Diese Frage wird uns sicher wiederholt beschäftigen. Jetzt dazu nur so viel:
Über Joshu heißt es in Mumons Kommentar zum Koan, „Selbst wenn Joshu zur Verwirklichung kam, brauchte er noch 30 Jahre, um es vollständig zu verstehen“. Es kling so einfach: „Der alltägliche Geist ist der Weg“. Die logische Konsequenz wäre, eigentlich brauche ich nichts weiter zu tun, als meinen Alltag zu leben. Man könnte also annehmen: Zen ist Alltag, also brauche ich nicht zu sitzen (zu meditieren). Vielleicht ist das richtig, … ich allerdings denke, dass es einige Übung braucht, in die Stille zu kommen. Und es braucht Übung, um diese Möglichkeit zu erhalten. Und es braucht viel Übung, um die Stille zu vertiefen und aus ihr Kraft zu schöpfen.
Es ist (besonders am Anfang) schwierig, gelassen, konzentriert und wach zu meditieren. Der Geist will nicht still sein.
Das Kreisen der Gedanken hat seinen Sinn darin, die Existenz des Selbst sicher zu machen. Deshalb bewerten wir alles, was wir sehen, in Bezug auf uns selbst. Dieses Selbst ist darauf konditioniert, eben genau das zu sein: Du selbst. Es fließt nicht mit den alltäglichen Dingen, sondern empfindet sich als von ihnen getrennt. Wenn wir versuchen, die Gedanken zu beruhigen, dann werden wir mit  unserer tiefen Gewohnheit des Bewertens und des Denkens konfrontiert, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Das Selbst will sich behaupten und schmeißt alle möglichen Störungen in die Waagschale.
Der alltägliche Geist ist die Welt so wie sie ist. Und Du bist Ausdruck dieser Welt und in keiner Weise von ihr getrennt. Wenn wir aufrichtig meditieren, erleben wir genau das als befreiend.

Warum ist es sinnvoll und heilsam, den Geist zu beruhigen?

Denken ist eine wertvolle Eigenschaft des menschlichen Lebens. Aber wie schön wäre es manchmal, einfach in Stille sein zu können.
Die Gedanken sind verursacht und sie sind getrieben durch unser Bedürfnis der Einordnung und Bewertung dessen, was wir erleben bzw. wahrnehmen.
Wir haben individuelle Eigenschaften, die unser Denken und unsere Reaktionen im Leben ausmachen. Diese sind geprägt durch unsere Erziehung und Sozialisation, durch unseren kulturellen Hintergrund und sicher auch durch die Bedürfnisse unseres Körpers – die wiederum biologisch bzw. entwicklungsgeschichtlich determiniert sind. Aus all diesen Dingen resultieren Konditionierungen, die unser Denken und unser Verhalten prägen. Viele Konflikte beruhen darauf, dass wir nicht auf das reagieren, was gerade passiert. In einem Beziehungsstreit kann es etwa sein, dass wir die Situation dadurch verkennen, dass wir durch das Beziehungsverhalten unserer Eltern geprägt sind (sehr vereinfacht gesagt).
Wenn wir innere Stille vertiefen lernen, dann lernen wir uns aus einer neue Perspektive kennen. Wir sind unseren Prägungen und Gewohnheiten nach und nach weniger ausgeliefert oder verstehen sie zumindest besser. Wir entwickeln einen realistischeren Blick auf unser Leben und uns selbst.
Wenn wir etwa Ablehnung, Angst oder Schmerz erleben, dann kann die Unruhe des Geistes zu einer selbstreferenziellen Verstärkung dieser Gefühle führen. Es entsteht Aufregung, die dazu führen kann, dass wir ganz anders reagieren, als wir wollen oder als es sinnvoll und angemessen wäre. Wenn der Geist still ist, dann sind die Gefühle nicht verschwunden, aber sie verselbstständigen sich nicht im Kreisen der Gedanken und Stimmungen. Wenn nur Aufregung entsteht, wenn sie wirklich der Situation angemessen ist, dann erzeugen wir zumindest keine unnötigen Konflikte und es gibt weniger Missverständnisse. Wer meditiert sollte einen klaren, freundlichen und gelassenen Geist entwickeln und dabei dem Leben mit all seinen Freuden und Schwierigkeiten verbunden sein.
Ist das einfach zu erreichen? Wer das das Koan „Der alltägliche Geist ist der Weg“ gelesen hat, weiß zumindest eins: nein, es ist nicht einfach. Ihr müsst euch anstrengen.
Übertreibt es nicht, aber bleibt am Ball.
Müssen wir perfekte Menschen werden? Bloß nicht. Alles ist der alltägliche Geist. Und trotz dem müssen wir uns aufrichtig anstrengen, uns im Leben zu entwickeln und inneren Frieden zu finden.
So viel an dieser Stelle  …

Das Koan, das ich zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen gemacht habe lautet:

FALL 19: Der alltägliche Geist ist der Weg

Joshu fragte Nansen: “Was ist der WEG?” Nansen antwortete: “Der alltägliche Geist ist der WEG.” Joshu fragte: “Soll ich nach ihm suchen?” Nansen sagte: “Wenn du ihn suchst, wendest du dich von ihm ab.” Joshu fragte: ” Wie kann ich den Weg finden, wenn ich nicht nach ihm suche?” Nansen antwortete: “Der Weg ist keine Angelegenheit von Wissen oder Nicht-Wissen. Wissen ist Verblendung. Nicht Wissen ist Verwirrung. Wenn du wirklich den wahren Weg jenseits aller Zweifel erreicht hast, dann wirst du ihn weit und grenzenlos wie das Universum finden. Wie kann man darüber auf der Ebene von Richtig und Falsch reden?”
Nach  diesen Worten kam Joshu zu plötzlicher Verwirklichung.

Mumons Kommentar:

Nansen verging und zerschmolz angesichts von Joshus Fragen. Und er konnte keine plausible Erklärung finden. Selbst wenn Joshu zur Verwirklichung kam, brauchte er weitere 30 Jahre um es zu verstehen.

Mumons Gedicht:

Frühlingsblumen, Sommerbrise,
Herbstmond, Winterschnee.
Wenn keine unnützen Dinge deinen Geist verwirren,
hast du die schönsten Tage deines Lebens.

Zitiert aus der Übersetzung von Michael Sabaß

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